Debattenbeitrag zum Text “Warum wir nach Ostritz fahren”

Im April 2018 sind wir zusammen mit euch nach Ostritz gefahren um, gemeinsam mit den Locals vor Ort, gegen das dort stattfindende (Neo-)Nazi Konzert und Kampfturnier “Schild & Schwert” zu demonstrieren. Im Vorfeld hatten wir damals in einem Statement versucht zu erklären, warum wir es als sinnvoll erachten ausgerechnet in das 2000+ Einwohner*innen zählende Städtchen Ostritz zu fahren um gegen Nazis zu demonstrieren, wo doch der gesellschaftliche Rechtsruck allgegenwärtig und in parlamentarischer Form der AfD als eine viel größere und wirkmächtigere Bedrohung erscheint. Dieses Statement findet ihr nochmal hier verlinkt:

[Update] zur Busanreise aus DD – Warum wir nach Ostritz fahren

In der aktuellen Ausgabe der Alles oder Nix (AON), welche seit Ende Januar in vielen linken Dresdner Läden ausliegt, findet ihr nun eine Kritik von den Autor*innen von AON am damaligen Statement, sowie eine Stellungnahme dazu von uns. In unserer Stellungnahme sind wir einerseits auf die in der AON formulierten Kritikpunkte eingegangen, andererseits haben wir diese zum Anlass genommen unserer damaliges Statement nochmal umfassender zu erläutern um mögliche Missverständnisse auszuräumen. Wir möchten euch diesen kleinen Debattenbeitrag nicht vorenthalten und veröffentlichen ihn hiermit nochmal in digitaler Form, für alle die noch keine AON ergattern konnten. Wir dokumentieren hier die Textbeiträge so, wie sie uns im Vorfeld der aktuellen AON Ausgabe erreicht haben bzw. wie wir darauf geantwortet haben,  redaktionelle Änderungen an den Beiträgen wurden hier nicht berücksichtigt.

 

“Antifa endültig am Ende?”
von: Alles oder Nix Autor*innen
erschienen in: Ausgabe Januar 2019

Antifa endgültig am Ende?

(eine Reaktion auf den Text „Warum wir nach Ostritz fahren…“ der URA)
Unter der Überschrift „Warum wir nach Ostritz fahren…“ begründetet ihr am 11. April 2018 die Unterstützung des bürgerlichen Protests “Rechts rockt nicht” gegen das „Schild & Schwert“ Neonazifestival in Ostsachsen. Wir stehen dem Text kritisch gegenüber und haben unsere Position dazu aufgeschrieben.
Unsere Intention war es mit unserem Text eine Auseinandersetzung anzuregen, wir wollen damit niemanden persönlich angreifen oder diskreditieren. Wir beobachten aber eine Entwicklung der “Antifaszene”, welche wir kritisch sehen und beeinflussen wollen. Der Text zu den Protesten in Ostritz steht sinnbildlich dafür was unserer Meinung nach schief läuft. Wir wollen mit unserer Einschätzung nicht nur Missstände aufzeigen, sondern auch Lösungsansätze und andere Wege vorschlagen.

Situation

Als die neonazistische Szene im April 2018 nach Ostritz (Ostsachsen) zum Festival „Schild & Schwert“ einlud, folgten dem rund 1500 Teilnehmer*innen. Bereits im Sommer 2017 fand “Rock gegen Überfremdung II” mit 6000 Teilnehmer*innen und 2018 die “Tage der Nationalen Bewegung” mit 2300 Teilnehmer*innen statt.
Die Gegenproteste waren bei allen Veranstaltungen klein, die meisten gingen über ein bürgerliches Fest oder eine Demonstration nicht hinaus. Auch nach Ostritz reisten trotz bundesweiter antifaschistischer und bürgerlicher Mobilisierung, gerade einmal 1500 Gegendemonstrant*innen. An diesem Punkt wird für uns sehr deutlich, mit welchen Themen sich die antifaschistische Bewegung in den kommenden Jahren auseinanderzusetzen hat. Zum einen, ist die neonazistische Szene nicht etwa „tot“, sondern konnte sich den gesamt gesellschaftlichen Rechtsruck zu Nutzen machen und ist gestärkt aus den letzten Jahren hervor gegangen. Zum Anderen setzen Neonazis vermehrt auf stationäre Veranstaltungsorte. Großdemonstration allein von rechtsradikalen Kräften werden selten noch angemeldet. Zu beobachten ist dabei, dass sich radikale Kräfte lieber dem „bürgerlich“ getarnten Protesten anschließen (wie bspw. in Chemnitz). Auch zeigen diese Veranstaltungen, dass „die Antifa“ keine erfolgversprechenden Ansätze gefunden hat, wie sie gegen solche Events und die zunehmende Nazigewalt im Alltag (präventiv) vorgehen soll. Den Grundsätzen der 1980er Jahre entgegen, als “Antifa noch Angriff hieß”, tauchen antifaschistische Gruppen dadurch zunehmend als einer von vielen kleinen bürgerlichen Akteuren auf.

„ Die Szene“

In Hinblick auf den 2014 stattgefunden Kongress “Antifa in der Krise” sahen sich Teile der (radikalen) antifaschistischen Bewegung am Ende. In Folge dessen lösten sich mehrere bekannte Gruppen auf oder verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Dieser Prozess der Veränderung löste bei vielen alteingesessenen Antifaschist*innen den Gedanken einer Neustrukturierung nach dem Vorbild der 1980er aus. Andere appellierten an einen gänzlichen Erneuerungsprozess und eine stärkere Annäherung an ein bürgerliches Spektrum. Wieder andere glaubten daran, dass es eine Antifa-Bewegung, als solches, nicht mehr geben bräuchte. Zumindest Letztere lagen, wie die letzten Jahre bewiesen, mit ihrer Einschätzung falsch.
Radikaler antifaschistischer Protest, scheint mittlerweile fast komplett verschwunden zu sein, wenn wir auf die Arbeit der Antifa Bewegung gegen Neonaziveranstaltungen schauen, welche im Anschluss an diese interne Diskussion stattfanden. Als einer der wenigen Lichtblicke steht der Dezember 2015 in Leipzig, als Neonazis durch das Szeneviertel Connewitz laufen wollten aber dieses gar nicht erst erreichten. Leipziger Aktivist*innen nahmen den Slogan „Auf allen Ebenen und mit allen Mitteln“ damals wirklich ernst. Sie stellten eine eigene Struktur auf die Beine und bewiesen, dass es auch heute noch möglich ist effektiv Nazis zu blockieren. Daraus wurde ein Desaster, nicht nur für die Neonaziszene, sondern auch für die Stadt und die Bullen. Was es dafür brauchte war Eigeninitiative, eine gute Organisierung und Unterstützung aus anderen Städten.

Der Text „Warum wir nach Ostritz fahren…“ und der Anschluss an den bürgerlichen Protest

Im Hinblick auf das oben beschriebene Beispiel erscheint es als eine Absurdität, wenn eine Dresdner Gruppe einen Text verfasst, in welchem der organisierte Angriff von Neonazis auf einen linken Stadtteil in Leipzig herhalten muss, um auf Orte „linksalternativer Seifenblasen“ hinzuweisen. Was dabei stimmt ist, dass es in diesen sogenannten „Szenevierteln“ mit Sicherheit die Möglichkeit gibt sich gut der Realität zu entziehen (sichtbar auch hier in Dresden). Wer dafür allerdings einen gezielten Angriff braucht, um dies zu realisieren und zu beschreiben, der*die scheint selbst in einer Blase der Unwissenheit zu leben. Auch ist die Entpolitisierung solcher Stadtteile keine notwendige Entwicklung, sondern sie entsteht durch inhaltlich verschwommene Statements und die Abwendung von radikalen Inhalten.
Polemische Fragen wie: „Weswegen wir unserem Unbehagen gegenüber der (ost-)deutschen Provinz nicht mit dem üblichen fischerhutbemützen Männertagswanderhaufen in schwarz beehren und „scheiß Drecksnest“ brüllend auch noch die letzten halbwegs kritischen Geister vor Ort verschrecken?“ sind genau Teil dieses Problems. Durch eine Entsolidarisierung mit radikalen Protestformen unterstützt die Gruppe eine Tendenz einer „Anti – Militanz“ der linken Szene in Deutschland, welche seit Jahren zu beobachten ist. Seinem eigenen Anspruch der „radikalen Antifa“ anzugehören wird mensch damit allerdings nicht gerecht.
Auch die Argumentation der „kritischen Geister“ ist nicht nachvollziehbar. Sicherlich ist uns bewusst, dass es gerade in ländlichen Regionen bzw. Gebieten ohne eine aktive Subkultur ein hohes Maß an Motivation und Eigeninitiative braucht, sowie ein hohes Risiko für das eigene Wohl bedeutet. Trotzdem muss sich aber die Frage gestellt werden, wo diese Geister denn waren als in Clausnitz, in Chemnitz, Freital oder Bautzen Gewalt gegen Geflüchtete ausgeübt wurde. Anwohner*innen, welche nicht dagegen aufstehen, wenn in ihrem Dorf oder Stadt Menschen gejagt oder angegriffen werden, weil sie eine vermeintlich „falsche“ Hautfarbe besitzen, werden sich auch durch unsere von außen angemeldete Demonstration, nicht motivieren lassen. Und selbst wenn, was sind das für „kritische Geister“ die dann aufstehen wenn es zu spät ist? Zumindest keine, um welche sich eine radikale Antifa extra noch bemühen muss.
Bürgerlicher Protest gegen jede Art von rechtem Gedankengut kann legitim sein, findet aber auf einer anderen Ebene statt. Es gibt keinen inhaltlichen Konsens welcher eine radikale antifaschistische Position mit einem bürgerlichen Protest verbindet. Dieser bürgerliche Protest besteht zu großen Teilen aus Parteien, Gewerkschaften und deren Vetreter*innen. All diese arbeiten in einem System, welches rassistisches Gedankengut einen Nährboden bietet und häufig reproduziert.

“Wir waren in Schneeberg, Freital und Heidenau. Mal als „Feuerwehr“, mal als „unsichtbare“ Mitorganisator*innen diverser Willkommens- und Bürgerfeste.”

Stimmt, dass wart ihr und diesem Engagement bringen wir unseren Respekt entgegen. Allerdings haben wir auch hier Kritik. Antifa Arbeit zeichnet sich unserer Meinung nach auch dadurch aus schon im Vorfeld bzw. kontinuierlich antifaschistische Arbeit zu leisten. Wenn wir glauben immer erst dann aktiv werden zu müssen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, dann täuschen wir uns.

„Durch strategische Diskussionen und die antifaschistischen Niederlagen und die daraus resultierenden Ohnmachtsgefühle der letzten Jahre, hat sich die radikale Linke in Deutschland zu Recht von reiner Anti-Nazi Arbeit abgewendet und versucht sich, mehr oder minder erfolgreich, weitere Arbeitsfelder zu erschließen.“

Das sehen wir anders, denn es braucht beides. Unserer Meinung nach ist und war es die falsche Entscheidung sich von dem Konzept „Antifa“ zu lösen. Der Kampf gegen Nazis, vor allem in Nazihochburgen, wird auf der Straße ausgetragen und muss auch dort weiter gelöst werden. Da diese rechten gewaltbereiten Strukturen eine reelle Gefahr für Leib und Leben von Menschenbedeuten. Das sich die radikale Linke von einer reinen Anti-Nazi Arbeit gelöst hat, kann so nicht stehen gelassen werden. Schon über Jahre hinweg haben sich andere Gruppen abseits dieser Arbeit engagiert, antifaschistische Strukturen waren es welche ihr Spektrum „verlassen“ haben und somit “die Strasse” für Neonazis freigemacht hat.

„Diese völlig absurden Äußerungen zeigen nur wieder einmal, wie wenig anschlussfähig unsere Politik der letzten Jahre geworden ist und wie wenig wir der extremismustheoretischen Erzählung entgegensetzen konnten.“

Die Meinung das unsere Politik nicht anschlussfähig ist, kann unterschiedlich betrachtet werden. Die Frage ist doch, was wir für eine Konsequenz daraus ziehen? Wir denken Ziel muss es sein, eigene Positionen zu verdeutlichen und klar zu machen. Wer über „bürgerkriegsähnliche“ Zustände zum G20 in Hamburg heult, dem sollten wir erklären warum dies dort passierte und aus welchem Grund es legitim war. Die Konsequenz daraus zu ziehen, dass unsere Politik „wenig anschlussfähig (…) geworden ist“ verleugnet unsere legitime und notwendige Position gegen diesen Staat, den Kapitalismus und aus ihnen resultierende Neonazis. Sollte die Antwort auf all die existierenden Probleme der gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit sein, keine eigenen Ansätze mehr auf die Beine zu stellen oder sich deshalb nur noch einem bürgerlichen Bündnis anzuschließen, um sich somit einer bürgerlichen Meinung zu unterwerfen, halten wir für falsch. So müssen wir uns im Anschluss als Antifa-Bewegung die Frage stellen wie nötig wir dann überhaupt noch sind. Besteht unsere einzige Aufgabe dann nur noch darin den Aufruf etwas radikaler zu gestalten, den Protest in Hör- und Sichtweite umzusetzen oder eine Demonstration abseits des eigentlichen Geschehens zu organisieren?

„Bei dem Bestreben uns aus der Marginalität zu befreien, unsere Inhalte prominent zu setzen, dürfen und wollen wir nicht hinter unsere eigenen emanzipatorischen Mindeststandards zurückfallen.“ – „Da ein antifaschistischer Grundkonsens in weiten Teilen von Parteien, Gewerkschaften und der Bevölkerung am zerbröckeln ist, können wir wohl kaum darauf vertrauen Unterstützung im Kampf gegen Faschisierung der Gesellschaft zu erhalten, wenn wir es nicht schaffen uns als einzig verlässlich und nützlich im Kampf gegen immer noch stark marginalisierte (Neo-)Nazis zu beweisen.“

Wie wollen wir es schaffen unsere eigenen Ansätze zu verdeutlichen, wenn wir in einem bürgerlichen Bündnis eine*r von vielen sind? Gegenproteste können bürgerlich und radikal durchgeführt werden. Die Erfolge von unterschiedlichen Aktionsformen haben nicht zuletzt auch die Blockaden der Naziaufmärsche 2010 und 2011 in Dresden gezeigt.

Konsequenz

Um die Entwicklung und Annäherung antifaschistischer Gruppen an die bürgerliche Gesellschaft, wofür der Text der URA für uns sinnbildlich steht, zu stoppen, braucht es eine Vielzahl von
Konsequenzen und Positionierungen.
Diese beginnen dabei, sich auf die „Basics“ antifaschistischer Arbeit zu beziehen. Diese sah es schon in ihrer Gründungszeit vor, sich von bürgerlichen Protest zu unterscheiden. Antifa ist mehr als eine reine „Anti-Nazi-Rolle“ einzunehmen, dahinter steht eine Idee wie Menschen miteinander leben wollen. Dies wird in einem kapitalistischen System, welches zwangsläufig Faschist*innen hervorbringen wird, nicht funktionieren. Aus dieser natürlichen Ablehnung gegen das Bestehende kann jener Protest auch nicht bei einer bürgerlichen Demonstration stehen blieben, sondern muss ganz klar darüber hinaus gehen und den rechten Protest in das Geflecht von Staat, System und Gesellschaft einbinden.

Wie kann das funktionieren?

Uns ist bewusst, dass dies nicht ausschließlich an Tagen geschehen kann, an denen Neonazis irgendwo aufmarschieren. Dies ist eine Einstellung, welche täglich gelebt werden muss. Dafür, da geben wir der URA recht, reicht es nicht sich nur in seiner „linksalternativen Seifenblase“ aufzuhalten. Allerdings müssen wir daraus Konsequenzen ziehen, welche lauten müssen selbst mehr in die aktionistische Ebene zu gehen, nicht nur in den Städten sondern auch in den Dörfern. Dabei reicht es aber nicht nur “schöne Bilder” zu produzieren. Beispielhaft steht dafür der 1. Mai 2016 im sächsischen Plauen, als 1200 Menschen zu einer Antifa Demonstrationen kamen. Diese machte aber keine Anstalten den Naziaufmarsch des “Dritten Weges” wirklich zu verhindern. Es braucht die Initiative radikaler antifaschistischer Strukturen, um Menschen zu motivieren dezentral oder auch von einer Demonstration aus, einen Neonaziaufmarsch zu verhindern. Mit dem Verrat der eigenen Inhalte und Werte, um somit einen „Grundkonsens“ zu schaffen, wird dies nicht
funktionieren. Wer glaubt auch nur einen Nazi so umzustimmen oder dem gesellschaftlichen Rechtsruck etwas entgegenzusetzen, der täuscht. Nazis, ihre “Hintermänner” und der Nährboden auf den sie sich stützen muss mit allen Mitteln und auf allen Ebenen bekämpft werden. Dafür müssen wir natürlich etwas investieren, nicht nur zu Tagen an welchen Demonstrationen stattfinden. Die Facette von Aktivitäten können vielseitig sein: Antifaspaziergänge, Outings, Stickern oder militante Aktionen stehen dabei für klassische Antifa Arbeit. Im Rahmen der “Nationalismus ist keine Alternative” Kampagne sind noch weitere, neue Aktionsformen, dazugekommen. Welche sich als nützlich und hilfreich erwiesen haben.
Diese müssen aber von uns antifaschistischen Menschen initiiert werden, denn ohne Engagement wird es nicht funktionieren. Genau darauf muss es bei der radikalen Antifa-Bewegung ankommen. Dies bedingt in einem gewissen Rahmen auch Unterstützung von auswärtigen Strukturen sowie von anderen radikalen, nicht vordergründig antifaschistisch bezogenen, Gruppen von vor Ort. Es muss uns in erster Linie darum gehen die Gefahr neonazistischer Gewalt so effektiv wie möglich zu begegnen. Dies werden wir nur mit vielfältigen und schlagkräftigen Aktionen bewältigen.

Aus jeder dieser einzelnen Konsequenzen folgt eine Frage, welche die antifaschistische Szene schon viele Jahre vor sich her schiebt und endlich beantwortet werden muss. Es ist die Frage nach der richtigen Aktionsform und dem Willen danach, wie viel wir bereit sind für unsere Ideen zu geben. Es gibt genug Dinge die wir tun können. Wir sollten nur endlich damit anfangen, die Effektivität unserer Aktionsformen zu beurteilen. Es besteht kein Sinn darin, immer das selbe zu machen, nur weil wir es so kennen. Wir müssen dabei die Aktionsform wählen, die den Nazis, Neurechten, etc. am meisten schaden, nur so werden wir sie zurückdrängen.
Eine weitere Konsequenz ist jedoch auch, dass wir als Antifaschist*innen versuchen sollten, um uns langfristig rechtem Gedankengut entgegenstellen zu können, eine starke radikale Antifa-Bewegung anzustreben. Dadurch werden wir als ernstzunehmende*r Akteur*in von bürgerlichen Kräften wahrgenommen und sichtbarer für Menschen die unsere Positionen teilen.Dabei dürfen wir uns von keiner (bürgerlichen) Seite die Art des Protestes vorschreiben lassen, sondern müssen eigene Akzente setzen und eigene Aktionen durchführen. Hier werden wir durch die Vielfalt der Mittel stark und können so mit unerfahrenen/neuen Leuten zusammen agieren.
Wie genau diese Bewegung in Zukunft auszusehen hat, sollte in einem fortlaufenden Prozess herausgearbeitet werden.

Packen wir es an, für eine effektive radikale Antifa-Bewegung!

Nachtrag: Während wir diesen Text verfassten veröffentlichte die URA die Veranstaltungen zur „Antifa Action Week“. In dem Aufruf heißt es u.a: „Wir wollen mit euch eine Woche praktische Antifa-Arbeit auf den Schirm holen. Gemeinsam wollen wir uns austauschen über die unterschiedlichen Motivationen und Herangehensweisen an antifaschistische Politik“. Vielleicht eine Chance, diese von uns geforderte neue effektive radikale Antifa-Bewegung zu unterstützen.

Unserer Stellungnahme zur Kritik

Hallo Alles oder Nix,

vielen Dank für eure Einladung zur Diskussion zum Thema Handlungsoptionen und Strategien antifaschistischer Arbeit am Beispiel unseres Textes zu den Mobilisierungen gegen das Schild & Schwert Festival in Ostritz. Wir haben positiv aufgenommen, dass ihr euch kritisch mit dem Text “Warum wir nach Ostritz fahren” und allgemein antifaschistischem Aktivismus, in Zeiten in denen Selbstbewusstsein und Wirkmacht der gesellschaftlichen und parlamentarischen Rechten Hochkonjunktur haben, auseinandergesetzt habt. In diesem kurzen Statement wollen wir noch einmal in einfacher Form unsere Positionen aus dem Ostritz-Text darlegen. Wir wollen klarstellen was Intention dieses Textes war und was nicht, um Unterstellungen zu begegnen und Missverständnisse auszuräumen, welche nach unserer Auffassung in eurer Reaktion ersichtlich werden. Außerdem wollen wir auf einige der von euch genannten Positionen eingehen bei denen wir widersprüchlicher Ansicht sind.

Im Grunde werft ihr uns drei Dinge vor:

  1. Den prinzipiellen Versuch der Zusammenarbeit mit bürgerlichen/zivilgesellschaftlichen Akteur*innen,
  2. die mangelnde Radikalität und/oder Militanz die angeblich daraus resultiert und
  3. die vermeintliche Entsolidarisierung von “radikalen Protestformen”.

Vorab: Was uns aufgefallen ist, ist die Ungenauigkeit bei der Verwendung des Wörtchens radikal, welche sich durch euren kompletten Text zieht. Nur kurz: Radikalität und Militanz sind nicht synonym. Sie können zusammengehen, müssen aber nicht. Dies hat nichts mit Besserwisserei zu tun, sondern damit, dass es a.) argumentativ zu Fehlern kommt – eine korrekte Ausdifferenzierung der Begriffe ist wichtig um unseren Text zu verstehen – und b.) mit der ungenauen Verwendung des Wortes radikal explizit auf unseren Gruppennamen Bezug genommen wird und somit, eventuell auch nur unbewusst, eine automatische Diskreditierung unserer Arbeit stattfindet. Ebenso müssen wir euch dahingehend berichtigen, dass wir nicht Teil des bürgerlichen Protestes waren, sondern Teil der Initiative Rechts rockt nicht, welche eigene linke Veranstaltungen und Proteste in Ostritz organisiert hat.

Ihr verweist auf den Kongress Antifa in der Krise und habt eure Konsequenzen daraus gezogen – wir die unseren. Wir würden nie behaupten, dass es nur einen richtigen Weg der Antifaarbeit geben kann und wir das Patentrezept haben. Für uns ist Antifa ein Zusammenspiel diverser Aktionsformen und eine ständige kritische (Selbst-)Reflexion. Aus einer taktischen Erwägung heraus, die auf der Marginalität linksradikaler Politik beruht, haben wir uns entschlossen unsere Arbeit und Aktionen an den jeweiligen Bedingungen und Situationen auszurichten.

Dass in weiten Teilen Sachsens eine rechte Hegemonie vorherrscht ist unstrittig, oder? Wir sind der Meinung, dass dieser Hegemonie nur etwas entgegengesetzt werden kann, wenn wir vor Ort agieren und mit den Menschen vor Ort in Kontakt treten. Im Idealfall treffen wir Menschen die sich selbst nicht als dezidiert linksradikal verstehen, aber die Gesellschaft positiv verändern wollen. Dies sind die “kritischen Geister” von denen wir sprechen. Und ja, die gibt es! In Freital beispielsweise gab es eine gute Zusammenarbeit mit den aktiven Locals, aus der diverse Initiativen entstanden sind und Einzelpersonen empowert werden konnten.

Ja, das Partizipieren an Bündnissen und Kampagnen heißt auch immer punktuell und temporär Zugeständnisse zu machen. Anschlussfähigkeit heißt für uns aber nicht, dass wir hinter unsere eigenen Mindeststandards zurückfallen oder unsere radikalen Positionen infrage stellen. Auf Bündnistreffenvertreten wir unsere Ansichten und Ziele offen und selbstbewusst. Wenn es sein muss, kritisieren wir unsere Partner*innen (konstruktiv), übrigens auch in Bezug auf das Wann und Wie der Militanz. Eine Distanzierung oder gar Entsolidarisierung diesbezüglich würde uns nie in den Sinn kommen!
Eurerseits Ostritz mit Clausnitz, Heidenau, Chemnitz, … zu vergleichen ist dann doch schon böswillig. Die Ausgangssituationen waren jeweils völlig andere, genau wie unsere Rolle in Clausnitz, Heidenau, Chemnitz eine andere war und unter jenen Umständen immer eine andere sein wird. Das wisst ihr ganz genau!

In Ostritz standen wir – als nur ein Teil der linken Initiative Rechts rockt nicht – vor der Situation, dass der Ort definitiv keine Lust auf das (Neo-)Nazievent hat und hatte. Es gab in Ostritz keine wahrnehmbare Hegemonie der extremen Rechten, sondern eine Bürger*innenschaft die sich offen für unsere Inhalte zeigte, jedoch durch Extremismustheorie und Post-G20-Hetze große Vorbehaltegegenüber Antifa und radikaler Linke hatte. Wir kamen in ungezwungenen und recht konstruktiven Momenten mit Vertreter*innen von Stadt und Zivilgesellschaft ins Gespräch und das auf Augenhöhe. Zum Beispiel konnten wir so – wie ihr übrigens fordert – die Proteste zum G20 im Kontext der Befürchtungen, dass es in Ostritz zu Riots kommt, erklären und warum dies dort passierte. Im Nachgang gab es im April Anwohner*innen die sich bei “der Antifa” für das Wochenende bedankten und die die Arbeit der Initiative vor Ort ausdrücklich lobten. Ihr selbst schreibt, dass es “schon im Vorfeld bzw. kontinuierlich antifaschistische[r] Arbeit” bedarf. Nichts anderes macht Rechts rockt nicht in Ostsachsen. Nichts anderes war unser Ziel. Wir müssen versuchen einzelne Felder linksradikaler Politik zu verbinden, um im besten Falle (Neo-)Nazis und anderen Menschenfeind*innen schon im Vorfeld und in deren (potentieller) Homezone den Boden zu entziehen. Gramsci und so… Das meinen wir mit einer Abwendung von “reiner Anti-Nazi-Arbeit”.

Wir hoffen, wir konnten unsere Motivation für den Text und die Reise nach Ostritz noch einmal verdeutlichen. Radikal heißt für uns, die Gesellschaft grundlegend, umfassend zu verändern und zwar zum Positiven und wenn es sein muss, dann auch mit militanten Mitteln. Doch, wie schon erwähnt, werden wir vor jeder Aufgabe die sich uns stellt weiterhin abwägen welche Aktionsformen wir als strategisch sinnvoll erachten.

Kommen wir nun zu dem Punkt der euch augenscheinlich am schwersten auf dem Herzen zu liegen scheint:
“Weswegen wir unserem Unbehagen gegenüber der (ost-)deutschen Provinz nicht mit dem üblichen fischerhutbemützen Männertagswanderhaufen in schwarz beehren und „scheiß Drecksnest“ brüllend auch noch die letzten halbwegs kritischen Geister vor Ort verschrecken?”

Ja, dieser Satz ist sehr polemisch. Soll er auch! Bringt er doch so vieles auf den Punkt, was wir an zeitgenössischer Antifa-Kultur kritisieren können. In seiner herablassenden Polemik ist er aber nur die Antwort auf die uns im Vorfeld immer wieder gestellte Frage: Weswegen wir ein bürgernahes Konzept wie Rechts rockt nicht in Ostritz supporten? Den Männertagswanderhaufen müssen wir wohl nicht wirklich erklären, oder? Befinden sich doch leider eher selten Frauen* unter den Fischerhüten der ersten Reihen. Überhaupt müssen wir konstatieren, das “Antifa” leider immer noch arg männlich dominiert ist.
Der Fischerhut. Der Fischerhut als Symbol für vermeintliche Militanz, welches dann meist doch bloß als selbstreferenzieller Antifalifestyle hinter dem Fronttranspi taugt. Was uns hieran stört ist, dass militantes Auftreten ohne Grund und Verbalradikalismus weder nachvollziehbar noch anschlussfähig in ihrer Außenwirkung sind.

Nun, “Scheiß Drecksnest”, ja die “unversöhnliche Intervention”. Klar gibt es Vorfälle die uns immer wieder aufs Neue schockieren und Hass in uns wecken. Wer aber denkt, dass Menschen pauschal zu verurteilen hilft diejenigen vor Ort zu unterstützen, welche (Neo-)Nazis und Rassist*innen kritisch gegenüberstehen, wird eher die Kluft zwischen Beiden verringern, da sie*er ein billiges Feindbild von Außen liefert und damit den Burgfrieden stützt anstatt ihn zu stören. Am Ende müssen wir feststellen, dass diese sogenannten “Strafexpeditionen” wenig nachhaltig sind. In Ostritz standen wir, wie oben schon erwähnt, vor einer ganz anderen Ausgangssituation. Ein offener Aufruf zu militantem Protest war nicht nur nicht angebracht, er wäre zu diesem Zeitpunkt strategisch kontraproduktiv gewesen. Dennoch ergaben sich im April Räume für mehr als Protest in Sicht- und Hörweite, welche jedoch nur wenig bis gar nicht genutzt wurden.

Am Ende bleibt zu sagen, dass ihr insofern Recht habt, dass Antifa wieder selbstbewusster auftreten und aus der Position der reinen Reaktion heraus kommen sollte. Wenn ihr fordert, “… schon im Vorfeld bzw. kontinuierlich antifaschistische Arbeit zu leisten” heißt das für uns aber auch, nicht nur pöbelnd am Spielfeldrand zu stehen. Deswegen sollten wir uns gerade bei Aktionen in anderen Regionen fragen, wie wir Verbündete finden und wie wir diese unterstützen können. Denn klar, wir kämpfen gegen Nazis, aber das Revolutionäre daran kann nur sein, wenn wir mit den Menschen ihre Kämpfe führen, anstatt gegen sie. Solche Kämpfe zu entwickeln braucht jedoch einen langen Atem und schließt die von euch ersehnte Eskalationsstufe nicht aus. Allein werden wir dies jedoch nicht schaffen. Wir hoffen einen Beitrag zur Reflexion unserer grundlegenden Herangehensweise im Umgang mit politischen Kämpfen zu leisten. Dabei sollten wir uns aber nicht fragen was wir zu verlieren haben, sondern was wir gewinnen können.

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