Ura fragt nach – Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf den Kita-Betrieb

Im zweiten Teil der Reihe URA fragt nach haben wir mit einer Person gesprochen welche in einem kleinen sächsischen Kindergarten arbeitet. Sie berichtet unter anderem von Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Corona-bedingten Einschränkungen, sowohl auf Seiten der Kitas wie auch der Eltern, durch mangelde Flexibilität der stark generalisierten behördlichen Maßnahmen. Aber sie berichtet auch von schlechten Voraussetzungen abseits der Pandemie-Stiuation, durch hohe Belastung und geringe Bezahlung im Erzieher*in Beruf.

Wo arbeitest du gerade?

Ich arbeite seit ungefähr zwei bis drei Jahren in einem kleinen familiären Kindergarten. Unser Kindergarten ist mit ca. zwanzig zu betreuenden Kindern sehr klein und wird als Elterninitiative geführt. Wir haben also keinen Träger im Nacken und organisieren uns zusammen mit den Eltern selbst.
Wir verzichten auch auf eine klassische Leitungsstelle, teilen uns die Aufgaben in unserem vierköpfigen Team auf und versuchen alle Entscheidungen möglichst im Konsens zu treffen. Dadurch unterscheiden wir uns natürlich sehr von städtischen Kindergärten oder Kindergärten, die von einem Träger getragen werden.

Wie hat sich die Arbeit seit Corona verändert?

Puuh…
Das lässt sich gar nicht so richtig sagen, da die Corona-Maßnahmen seit dem Frühjahr 2020 total unterschiedlich waren und sich ständig geändert haben.
Kurz gefasst würde ich sagen, dass anfangs die Corona Warnung total falsch eingeschätzt wurden, sowohl von uns als auch von der landespolitischen Ebene. Danach gab es den ersten Lockdown und damit auch die erste Notbetreuung, welche ab ca. April immer weiter aufgelockert wurde und ab der Sommerzeit gab es dann kaum noch strenge Corona-Vorschriften bis ungefähr Anfang Dezember, wo es von heute auf morgen ins absolute Gegenteil umgeschlagen ist. Und jetzt haben wir einen sehr strengen Lockdown mit sehr restriktiven Vorgaben, die meines Erachtens nicht immer sinnvoll sind. Dazu aber später noch mehr.

Die Arbeit für uns Pädagog*innen hat sich nur während der Notbetreuungwirklich geändert. Während der ersten Notbetreuung im Frühjahr 2020 hatten wir kaum bis gar keine Kinder zu betreuen und hatten sehr viel Zeit Räumlichkeiten umzugestalten, die Konzeption neu zu schreiben oder sonstige Aufgaben, die sich angesammelt haben abzuarbeiten. Während der aktuellen Notbetreuung haben wir nur zwei Kinder zu betreuen. Allerdings versuchen wir im Team solidarisch zu sein, weshalb nur zwei Pädagog*innen abwechselnd am Kind arbeiten und die Pädagog*innen mit Kindern zu Hause bleiben, damit ihre Kinder nicht in die Notbetreuung geschickt werden müssen. Die Pädagog*innen, die Zuhause bleiben, arbeiten im Homeoffice und schreiben ihre Stunden sehr großzügig auf, damit sie genug Zeit haben sich um ihre eigenen Kinder zu kümmern.
Finanziell brauchen wir Angestellten uns keine Sorgen machen, da es in einem Kindergarten immer Arbeit gibt, die sich aufgestaut hat. Zum anderen sind wir untereinander und auch der Vorstand zu uns so solidarisch, dass wir niemanden das Geld kürzen, weil er momentan, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage ist auf seine Stundenzahl zu kommen. Das schließt auch Köch*innen und externe Mitarbeiter*innen mit ein.
Wir Pädagog*innen versuchen Minusstunden zu sammeln, da ein Kindergarten im Regelbetrieb sowieso immer viel zu viele Überstunden angehäuft werden.

Während dem Regelbetrieb war fast alles wie gehabt. Außer, dass wir die nervige Aufgabe hatten Eltern immer wieder darauf hinzuweisen den Mundschutz zu tragen, Hände zu desinfizieren und sich möglichst kurz auf dem Kindergartengelände aufzuhalten. Natürlich gab es vereinzelt anstrengende Verschwörungs-Idioten, aber die Mehrheit der Eltern hat sich an die Vorsichtsmaßnahmen gehalten.

Für uns Pädagog*innen hat sich also kaum was verändert, sondern vielmehr die Bedingungen und der Alltag für die Kinder hat sich geändert. Ausflüge, Musik- und Tanzstunden, Elternabende, Zuckertütenfest, Weihnachtsfeiern, und, und, und…
All diese Sachen sind entweder ausgefallen oder mussten in einer Sparvariante stattfinden.
Das sind aber alles Ausfälle oder Änderungen, die zwar traurig sind, aber durch kreative Lösungen und im Anbetracht der momentanen Situation absolut zu verkraften waren und sind.

Viel schlimmer hat es jedoch die Eltern (damit sind auch unsere Pädagog*innen mit Kindern gemeint) getroffen, da sie enorm viel abfangen müssen und eine enorme Belastung über längere Zeiträume hinweg stemmen müssen.
Homeoffice und nebenbei noch Kindesbetreuung von zwei bis sechs Jahre alten Kindern ist eigentlich nicht machbar. Davor habe ich am meisten Respekt und wünsche mir, dass Eltern in dieser Hinsicht entlastet werden.

Wie greifen staatliche Maßnahmen in deinem Sektor? Gab es Verbesserungen?

Aus meiner Sicht langsam, absolut nicht transparent, unpräzise und häufig unpassend.
Aber auch hier kommt es darauf an, um welchen Bereich es genau geht.

Geht es um die Vorbereitung auf die Notbetreuung. Dann bekommen wir in der Regel die offiziellen Beschlüsse am Wochenende oder kurz vor knapp, so dass wir in unseren Freizeit Absprachen mit Eltern treffen müssen und untereinander ein Konzept zur Notbetreuung erarbeiten müssen.
Über die Informationen, ob Elternbeiträge bezahlt werden müssen, bekamen wir erst im Laufe der Notbetreuung Bescheid, so dass wir den Eltern vorerst nur ungenaue Informationen darüber weitergeben konnten.
Dennoch werden wir täglich mit unglaublich vielen Informations-Mails überhäuft, die erst einmal von uns gefiltert werden müssen und in den meisten Fällen keine zutreffenden Infos für uns enthalten.
Beim zweiten Lockdown wurden wir allerdings ein paar Tage vorher schon über die voraussichtlichen Beschlüsse in Kenntnis gesetzt. Da konnten wir also schon Vorbereitungen treffen.

Ich muss aber sagen, dass das alles eine Kritik auf sehr hohem Niveau ist. Ich weiß, dass die Behörden total überlastet sind und uns mit den Informationen nicht eher versorgen können und wirklich ihr Bestes geben mit uns sinnvolle Absprachen zu treffen und bin dafür auch sehr dankbar.
Das Problem liegt eher in den Entscheidung auf der Landesebene. Diese sind meist zu zaghaft und werden dann wöchentlich verändert und/oder verlängert. Am Ende kommt dann alles total überstürzt und Behörden und Einrichtungen müssen in kürzester Zeit Konzepte und Änderungen umsetzen. Das führt natürlich überall zu Überlastungen.

Wie blickst Du mit deinem Job in die Zukunft?

Schon immer rosig!
Vielleicht bekommen wir zusätzlich zum Applaus wieder eine kleine Corona-Prämie am Ende des Jahres. Toll,toll,toll…
Spaß beiseite, ich denke, dass sich die Arbeitsbedingungen für Erzieher*innen kaum und wenn sehr schleppend in den nächsten Jahren verändern werden. Die Betreuungsschlüssel sind momentan unterirdisch und werden wahrscheinlich nicht großartig verbessert, genauso wenig wie unser Gehalt. Beides ist richtig schade und erschwert natürlich qualitative Arbeit und erhöht das Risiko für Krankheitsausfälle und Berufswechsel. Wer hat schon Lust bis Ende sechzig für wenig Geld zwei weinende Krippenkinder auf dem Arm zu halten und nebenbei ein Angebot für acht weitere Kinder anzubieten? Gleichzeitig befürchte ich, wenn Erzieher*innen irgendwann ein annähernd faires Gehalt bekommen, eine Akademisierung des Berufes. Sollten Erzieher*innen auf eine Gehaltsstufe mit Lehrkräften angehoben werden, wird ein pädagogisches Studium bestimmt ebenfalls Voraussetzung sein. Das wäre eine Entwicklung, der ich sehr kritisch gegenüber stehe und mir nicht wünsche.

Gibt es Möglichkeiten Kritik zu äußern? Ansatzpunkte von Organisierung?

Den Menschen von den Behörden versuche ich möglichst unsere Situationen zu schildern und hoffe auf Verständnis und Hilfe. Wir versuchen auch den Eltern zu helfen und zusammen Druck bei den Behörden zu machen und auf Missstände hinzuweisen. Wirklich Früchte trägt das meistens aber nicht…

Eine Vernetzung der Kindergärten, gerade in unserem Fall für kleinere selbstorganisierte Kindergärten wäre extrem hilfreich. Hierzu gibt es auch schon Strukturen für Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfestellungen.
Aber gerade bei Corona handeln die Kindergärten doch meistens für sich alleine.
Meines Erachtens liegt es an der sowieso schon anstrengenden Arbeit, die geprägt von vielen Überstunden ist. Durch Corona kommen noch mehr Anforderungen auf uns zu, die bewältigt werden müssen und komplett neu für uns alle sind. Eine Organisierung würde uns zwar allen Helfen und uns ein Sprachrohr geben, gleichzeitig fehlt uns schlichtweg an Zeit dies während unserer Arbeitszeit auf die Beine zu stellen.
Erschwerend wäre dann noch zu nennen, dass auch Treffen in den bereits erwähnten vorhandenen Strukturen momentan nicht möglich sind. Dadurch sind Absprachen und Vernetzungen natürlich schwierig zu gestalten.

Zusätzlich würde ich persönlich sowieso allen empfehlen in eine Gewerkschaft einzutreten.

Was muss sich deiner Meinung nach verändern?

Das allergrößte Problem ist, dass Gesetze oder Maßnahmen einfach generell über den Kindergartenbetrieb gestülpt werden. Das Kindergärten unterschiedlich arbeiten, unterschiedlich groß sind oder unterschiedliche finanzielle Voraussetzungen haben wird dabei völlig außer Acht gelassen.
Zum Beispiel könnten wir eine Notbetreuung für mehr Kinder anbieten, ohne das eine unübersichtliche Ansteckungsgefahrzu befürchten wäre. Es gibt Eltern die psychisch und physisch mit der Betreuung der Kinder Zuhause überfordert sind und sich hilfesuchend an uns wenden, wir aber ablehnen müssen, da eine Notbetreuung nur für „systemrelevante“ Berufe oder bei Kindeswohlgefährdung gestattet ist.
Die Folge sind lange Telefongespräche mit dem Jugendamt und den Eltern. Alle verstehen und erkennen das Problem und sprechen sich für eine Notbetreuung aus, aber keiner kann sie genehmigen.
Das Jugendamt darf nur in schwerwiegenden Fällen einen Antrag auf Notbetreuung stellen, wir als Kindergarten dürfen keine Kinder ohne Erlaubnis zur Notbetreuung betreuen und Eltern haben in der ganzen Geschichte sowieso kein Mitspracherecht.
Und das ist nur eines von vielen weiteren Beispielen.
Das ist es, was mich am meisten stört. Der Freiraum Konzepte und Ideen zusammen mit der Elternschaft und dem Vorstand auszuarbeiten, ist durch die Behörden sehr begrenzt. Individuell auf Probleme einzugehen dadurch kaum möglich. Was gerade für uns als Elterninitiative extremärgerlich ist und nicht unseren Vorstellungen entspricht.

Das andere was mir auch im Anbetracht der möglichen Rückkehr zum Regelbetrieb Sorgen bereitet, ist die gesundheitliche Vorsorge für das pädagogische Personal.
Regularien, wie man die Ansteckungsgefahr zwischen Kindern und den Eltern mindern soll, gibt es viele. Gesundheitliche Vorkehrungen für das pädagogische Personal gibt es eigentlich keine. Unser Beruf beinhaltet nun einmal engen Kontakt zu allen Kindern. Beim Trösten, Verarzten, beim zu Bett bringen, beim Wickeln, und was da noch so alles anfällt. Da ist ein hohes Ansteckungsrisiko vorprogrammiert. Regelmäßige Corona-Schnelltests sind bis jetzt aber noch keine in Aussicht. (Jetziger Stand – vielleicht ändert sich ja noch was)
Vor Ende der Notbetreuung bekommen wir einen einmaligen Corona-Schnelltest. Wow!
Hier brauchen wir unbedingt regelmäßige Tests, um die Ansteckungsgefahr für den Kindergarten zu minimieren, aber natürlich auch die für unsere Verwandten und Freund*innen.

Am hilfreichsten wären für uns also lockerere Handlungsrahmen, damit wir individueller auf die Situationen und Schwierigkeiten in unserem Kindergarten eingehen können, eine transparente, schnelle und unbürokratische Zusammenarbeit mit den Behörden und eine regelmäßige Testung auf Covid-19 für alle Angestellten und externen Mitarbeiter*innen.


Alle Beiträge zur Reihe seht ihr mit Click auf das Bild

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